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Kurztrip nach Aventurien

20 Mar

Diese Woche habe ich mir mal das neue Drakensang – Am Fluss der Zeit angesehen. Da ich den Vorgänger bereits durchgespielt hatte und sehr unterhaltsam fand, war ich auf den zweiten Teil natürlich neugierig. Zumal erhebliche Verbesserungen angekündigt worden waren.

Bei Drakensang handelt es sich um ein Computer-Rollenspiel, das auf dem deutschen Pen&Paper System Das Schwarze Auge (kurz DSA) basiert. Wie schon beim ersten Teil, hält sich die Computerversion dabei sehr eng an die Vorlage. Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile.

DSA ist ein enorm komplexes und detailliertes Rollenspielsystem. Die Regelbücher lesen sich teilweise wie Reiseführer in die Welt Aventuriens, dessen einzelne Gebiete bewusst realen Ländern wie z.B. dem mittelalterlichen Deutschland, Frankreich oder Spanien nachempfunden sind. Da gibt es Beschreibungen von Städten und Sehenswürdigkeiten ebenso wie Rezepte regionaler Spezialitäten oder Texte bekannter Lieder und selbstverständlich eine umfangreich ausgearbeitete Geschichte.

Diese Liebe zum Detail findet sich natürlich auch in Am Fluss der Zeit wieder. Anders als noch im Vorgänger lässt sich dabei die Stadt beispielsweise frei erkunden; dabei wurde die Bewegung innerhalb einer Karte sehr vereinfacht, indem man ein System von Schnellreisepunkten eingeführt hat, so dass man nicht x-mal dieselbe Strecke laufen muss.

Ebenfalls im Gegensatz zum Vorgänger, wo man das nicht mehr geschafft hatte, sind jetzt sämtliche Dialoge vertont und das von ausgezeichneten Sprechern. Auch wenn ich im ersten Moment etwas irritiert war, auf die Stimme von Sponge Bob zu treffen…

Auch die Charaktererstellung wurde im zweiten Teil deutlich aufgewertet, so kann man jetzt anstelle der doch etwas limitierten Auswahl an Archetypen sich seinen Helden aus einer grösseren Bandbreite möglicher Charaktere auswählen. Dabei ist es wiederum möglich, dessen Charakterwerte im Expertenmodus ganz den eigenen Wünschen anzupassen. Für DSA bzw. Drakensang-Neulinge wird das am Anfang vermutlich zu verwirrend sein, aber da kann man sich ja auf die Auswahl des Computers verlassen, diese ist auch akzeptabel. Die Auswahlmöglichkeiten bei der Optik des Charakters sind nach wie vor eingeschränkter als in vielen anderen Spielen. Manga-Doubles lassen sich hier nicht erstellen, es bleibt immer dem Setting angemessen.

DSA und damit auch Drakensang ist nun allerdings auch ein System, das ich mal freundlich als “solide und bodenständig” bezeichnen würde. Überkandidelte Heldenaktionen à la Aragorn, der sich mal eben allein einer Horde Orks entgegenstellt, sind hier (im Gegensatz zu diversen anderen Spielen) nicht drin. Das liegt vor allem an dem Kampfsystem, das im Pen&Paper regelmäßig zu einer wahren Würfelorgie ausartet, wird doch jeder Angriff von einer Parade des Gegners gekontert. Im Computerspiel läuft diese Würfelei zum Glück hinter den Kulissen ab, dennoch hat das Kampfsystem so seine Macken.

Schon im ersten Teil hat mich mächtig irritiert, dass es keine Möglichkeit gibt, seine Charaktere strategisch zu plazieren. Wenn ein Magier einen Zauber aus der Distanz abfeuert und sich dann mit wehender Robe in den Nahkampf stürzt, dann stimmt etwas nicht. Hier fehlt ganz eindeutig die Option, die Charaktere irgendwo hinzustellen und ihnen den Befehl zu geben, dort auch zu bleiben. Ebenso nervt mich, dass man den Charakteren wirklich jede einzelne Aktion vorgeben muss. Pausentaste drücken, jeden einzelnen Charakter anklicken, auswählen was er als nächstes tun soll, diese eine Aktion ausführen lassen und wieder Pause… Das ist teilweise unglaublich zäh. Wie es besser geht, zeigen beispielsweise Spiele wie Neverwinter Nights oder Dragon Age, wo man den Charakteren mehrere Befehle gibt die diese hintereinander weg ausführen oder direkt eine Art Verhaltensmuster erstellt.

Aber am störendsten wirkt für mich tatsächlich die fehlende Möglichkeit, Charaktere irgendwo strategisch zu plazieren, Gegner einzeln oder in Gruppen zu ziehen, einzelne Charaktere abseits des Kampfgeschehens aufzustellen usw.
Stattdessen läuft immer die gesamte Gruppe wie die Lemminge auf eine Gruppe Gegner los – und es ist immer der Charakter der über die wenigsten Lebenspunkte und Rüstung verfügt, der im dicksten Getümmel endet. Selbst wenn ich Gegner auf Entfernung bereits sehe, kann ich diese erst angreifen, wenn ich so nahe herangekommen bin, dass die gesamte Gegnergruppe auf mich aufmerksam wird. Das nervt.

Zumal bei DSA und Drakensang das Heilen auch eine Wissenschaft für sich ist. Zwar gibt es Heilzauber und auch -Tränke, aber hier ist es nicht mit einer Heilung für alles getan. Es gibt nämlich zusätzlich zum normalen Verlust von Lebensenergie auch noch Verwundungen und Gifte. Wunden sind besonders unangenehm; hat ein Charakter fünf davon gesammelt, fällt er tot um. Das kann bei Kämpfen gegen mehrere Gegner, die Wunden verursachen können, schon mal eine ganze Gruppe dahinraffen.
Entsprechend gibt es dann also auch spezielle Heiltalente namens Heilkunde Wunden und Heilkunde Gift, die zumindest ein Charakter beherrschen sollte, damit er in der Lage ist, die entsprechenden Mittelchen und Tinkturen, die man entweder käuflich erwerben oder als Alchimist herstellen kann, anzuwenden. Dann sollte natürlich dieser Charakter der Gruppe tunlichst nicht aus den Latschen kippen, s.o.

Mein Fazit: es ist halt DSA. Die Welt und das eigentliche Rollenspiel sind wunderschön, die Geschichte ist großartig erzählt, die Charaktere sind symphatisch und witzig gemacht; solange man durch die Gegend laufen und Probleme durch soziale Fähigkeiten und Grips lösen kann, ist es ein großartiges Spiel. Sobald man seine Waffen ziehen und tatsächlich Viecher und anderes vom Leben zum Tode befördern muss, wird es zeitweise echt nervig.

Ich hatte das Spiel für einige Tage aus der Videothek ausgeliehen; kaufen werde ich es mir vielleicht später einmal, wenn es im Sonderangebot ist. Zum regulären Preis ist es mir das momentan nicht wert.

 
4 Comments

Posted by on March 20, 2010 in Games

 

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4 responses to “Kurztrip nach Aventurien

  1. Tobias

    March 20, 2010 at 8:49 pm

    Am ersten Teil hat mich unheimlich genervt, dass es für ein Spiel mit DSA Regelwerk so unheimlich kampflastig ist. Ist das immer noch so?
    Vielleicht sollte ich die uralten Teile aus den 90ern mal wieder rauskramen.

     
  2. Andrea

    March 20, 2010 at 11:25 pm

    Also ich merkte im zweiten Dungeon, kurz vor dem Endboss, dass mir das Ganze keinen Spass mehr machte.
    In anderen Worten: ja, es ist kampflastig und ich war zu diesem Zeitpunkt davon völlig genervt.

     
  3. Sarah

    March 21, 2010 at 12:39 am

    Hach, Drakensang! *schmacht* ich habe einen Mac und kann es leider nicht spielen(ToT)(versuche mich mit Sims3 zu trösten)…

    @ Tobias: schön das jemand noch die Nordland-Triologie kennt! p(*^-^*)q Ich habe alle Teile mehrmals durchgespielt in DOS und der DOS-Box zuletzt vor einem Jahr, herrlich! Seitdem war ich storytechnisch die letzten Jahre ziemlich enttäuscht da mich kaum ein Rollenspiel mehr so gefesselt hatte bzw. ähnlich Tiefgang und Details hatte (Charaktere selbst erschaffen, Charaktere werden krank/ haben Hunger). Daher bin ich zu Final Fantasy und den Konsolen übergewandert (^-^;)

    Vielleicht gibt es ja Drakensang bald auch für Mac OS das wäre fein…

     
  4. Andrea

    March 23, 2010 at 4:34 pm

    Nachtrag: Der Biff hat sich natürlich auf das Spiel gestürzt, es jetzt drei Tage gespielt und dann entnervt aufgegeben, da seine Helden (haha!) ständig von Riesenratten umgebracht wurden. Von überdimensionierten Nagern, den klassischen Anfängermonstern in jedem RPG!
    Das ist allerdings frustrierend, kann ich verstehen.

     

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