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Der Tragödie zweiter Teil

14 Jun

Die Jobabsage vom Freitag hat noch einen weiteren Effekt. Ich hatte ja gehofft, dass sich quasi auf letzten Drücker alles noch zum Guten wendet. Aber momentan sieht es nicht danach aus. Folglich habe ich heute nach dem Motto, unangenehme Sachen erledigt man besser sofort, einen Besuch beim Arbeitsamt der Agentur für Arbeit gemacht. Oder noch genauer, der ARGE. Das sind offenbar zwei verschiedene Sachen, jedenfalls wenn man fließend bürokratisch spricht.

Der nicht so freudige Anlass war natürlich, dass ich Ende der Woche Jubiläum feiern kann. Ein Jahr ohne Job (aber mit etwas über 130 Bewerbungen). Das heisst allerdings: Schluss mit Arbeitslosengeld, hallo HartzIV!

Für jemanden, der bislang das Glück hatte, von diesen Dingen keine Ahnung haben zu müssen, die Unterschiede stark vereinfacht in Kurzform:

Hast Du mindestens ein Jahr gearbeitet und wirst dann arbeitslos, hast Du Anspruch auf Arbeitslosengeld. Du gehst zum Amt, musst da nachweisen, wo, wie lange und für wieviel Du zuletzt gearbeitet hast und bekommst dann ein Jahr lang 60 Prozent deines letzten Gehalts ausgezahlt. Du hast natürlich diverse Verpflichtungen, wie regelmäßig zu den Terminen mit dem Berater erscheinen und nachzuweisen, dass Du dich um einen Job bemühst; diese Verpflichtungen hast Du aber bei HartzIV ebenfalls.

Nach einem Jahr endet dann der Anspruch auf Arbeitslosengeld und dann kannst Du Arbeitslosengeld II, oder umgangssprachlich HartzIV, beantragen. Der Anspruch auf HartzIV ist unabhängig davon, ob Du vorher überhaupt gearbeitet hast. Dafür werden aber sämtliche Details deiner Lebensumstände abgefragt. Wie wohnst Du?, wieviel Miete zahlst Du da?, wohnst Du allein oder mit jemandem zusammen?, wie sieht es auf deinem Konto aus?, hast Du Schulden?, hast Du Geld auf der hohen Kante?, bekommst Du von irgendwoher regelmäßig Geld (Miet-, Arbeits- oder sonstwelche Einkünfte)?… im Prinzip so ziemlich alles, ausser der Schuhgröße und politischen Gesinnung. Wohnt man nicht allein, wird der Partner genauso unter die Lupe genommen.

Das Ganze ist natürlich mit ca. einem Kilo Formulare verbunden – und glaube nicht, dass Du die alle allein ausfüllen darfst. Eine der ersten Amtshandlungen ist nämlich, deinem Vermieter die frohe Botschaft zu verkünden, dass Du künftig HartzIV Empfänger bist und ob er bitte mal so nett wäre, das Formular fürs Amt auszufüllen? Da wird dann die Höhe deiner Miete und Nebenkosten abgefragt und natürlich ob Mietschulden vorhanden sind. Die Vorlage deines Mietvertrages reicht dafür nämlich nicht aus, obwohl Du auch den beim Antrag beifügen musst.

Peinlich? Ja klar. Aber verabschiede dich lieber beizeiten von deinem Zartgefühl, es wird nämlich nicht besser. Hast Du die erste Runde im Papierkrieg erstmal hinter dir, kann dir immer noch blühen, dass deine Wohnung zu groß / zu teuer ist – dann heisst es, je nach Ermessen des Amtes, möglicherweise umziehen. Zusätzlich zum Regelsatz von 359 Euro monatlich, zahlt das Amt nämlich auch deine Miete, allerdings in gewissen Grenzen. Hast Du einen Partner, der Geld verdient, dann darf dieser natürlich erst einmal für dich zahlen, bevor das Amt dieses tun muss.

Ist dann irgendwann dein Antrag bewilligt, herzlichen Glückwunsch, Du gehörst jetzt offiziell zu der Bevölkerungsgruppe, die in der öffentlichen Wahrnehmung knapp über Bakterien und Schimmelpilzen rangiert. Verabschiede dich von deinem bisherigen sozialen Leben; Kino, ausgehen mit Freunden, shoppen gehen, Urlaub etc. kannst Du dir ab jetzt nicht mehr leisten. Das Wort heisst nicht umsonst Existenzminimum. Der größte Teil der 359 Euro, die Du monatlich erhältst, wird für Essen draufgehen, aber wundere dich nicht, wenn gelegentlich am Ende des Geldes noch etwas Monat übrig ist, das ist normal. Streichele deine Waschmaschine täglich, sei lieb zu ihr; wenn sie kaputt geht, bist Du ziemlich angeschmiert. Kreditkarten, Dispo usw. sind auch kein Bestandteil deiner Welt mehr. Wenn das Geld alle ist, dann ist es alle.

Und vergiss nicht, bei allem was die ARGE von dir verlangt, einen Kotau zu machen, bei Widerworten gibt es unter Umständen Sanktionen, oder auf Deutsch: weniger Geld. Ja, sie können auch von dir verlangen, Müll auf der Straße aufzusammeln, selbst wenn Du eigentlich Kernphysiker bist. Solange sie dich bezahlen, dürfen sie das.

Und gräme dich nicht allzu sehr, wenn dich irgendwelche Politiker als arbeitsscheues Gesindel beschimpfen. Das müssen sie machen, damit ihre Stammtischwähler zufrieden sind.

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8 Comments

Posted by on June 14, 2010 in Dieses und jenes

 

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8 responses to “Der Tragödie zweiter Teil

  1. Tobias

    June 14, 2010 at 4:09 pm

    “Denn alles was entsteht …” Na da hat Dir der alte Sachse Mephisto ja ein ganz dickes Ei ins Nest gelegt😦 Ich frage mich nur, wie es sonst die übliche H4 Klientel immer wieder schafft die dicksten HDTV Fernseher bei ALDI rauszuschleppen – ach nee, gehört zum Lebensminimalstandard … vergessen sorry.

    Ich drück Dir die Daumen, und kann Dir nur nochmals ein Auswandern ins coolste Königreich der Welt empfehlen – auch wenn sie lausig Fußball spielen (aber das ist DIR ja eh egal😉 )

     
  2. nila

    June 14, 2010 at 4:31 pm

    Och Gottchen. Du Arme. Ich drücke dir auch ganz feste die Daumen, dass du einen Job findest. Vielleicht wirklich Auswandern in Erwägung ziehst. Wie mein Vorredner schon angesprochen hat. 💡

     
  3. Andrea

    June 14, 2010 at 4:40 pm

    Auswandern steht definitiv ganz oben auf der Liste. Problem ist, dass in meiner momentanen Situation dafür erstmal ein Job in Aussicht sein muss. Denn ohne Kohle nix wandern…

    Obwohl ich ernsthaft überlege, wenn das Amt von uns einen Umzug verlangen sollte, dann gleich Nägel mit Köppen zu machen und hier aus Sachsen wegzuziehen. Denn hier in der Gegend will mich ja offenbar keiner anstellen (bin wohl zu Wessi) und woanders stellt mich keiner ein, weil sie überall selbst genug Arbeitslose haben – vermute ich jedenfalls.

     
  4. simone

    June 14, 2010 at 5:29 pm

    tut mir leid, dass es mit deinem job nicht geklappt hat:-/ wäre eine umschulung nicht das passende für dich? oder hast du vielleicht anspruch auf teilhabe am arbeitsleben? wäre vielleicht eine chance für dich, wieder ins berufsleben zu kommen. lg

     
  5. Ivi

    June 14, 2010 at 6:33 pm

    Darf ich fragen was du mal gelernt hast?

    Das mit dem Auswandern seh ich immer grenzwertig. Auf der einen Seite kann es gut sein, dafür sollte man aber zum einen die Sprache des entsprechenden Landes können und zum anderen auch nicht die Bürokratie dieser Länder unterschätzen.

    Aber sonst ist es heute wirklich oft so, dass man den Jobs hinterher ziehen muss. Was ich zB empfehlen kann ist mal bei Bund.de zu schauen, trotz drohendem Stellenabbau wird dort oft viel gesucht und ich hatte zB auch mal Glück mit einer Sammelausschreibung einen Job zu bekommen. Dabei musste man sich auf das etwas ungewisse einlassen und sicherlich lernbereit sein, aber manchmal kann man da Glück haben.

     
  6. Andrea

    June 14, 2010 at 8:10 pm

    Ich bin gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau; gearbeitet habe ich hauptsächlich im Einkauf. Umschulung macht (auch aus der Sicht des Arbeitsamtes) wenig Sinn; es werden ja Einkäufer gesucht, nur möchten die Firmen bitteschön gerne Leute, die zehn Jahre jünger sind als ich…

    Was die Möglichkeit des Auswandern betrifft, so konzentriere ich mich natürlich in erster Linie auf Länder, deren Sprache ich spreche; das wären alle deutsch- und englischsprachigen (und bevor die Frage kommt, ich spreche beides fließend).

    Was ich möchte ist eigentlich nur überhaupt wieder Arbeit haben und wenn es geht welche, bei der man mir nicht zumutet, knapp über HartzIV Niveau zu verdienen. Man kann schliesslich auch keinen Mercedes fahren, wenn man nur Geld für einen Trabi ausgeben will.

     
  7. mrs. steph

    June 14, 2010 at 8:10 pm

    Das ist wirklich kein schönes Jubiläum😦

    Bei meinem Mann war es damals so dass er nicht mal HartzIV bekommen hat weil seine Eltern genau 23 EUR zuviel im Monat über hatten (inklusive seinem Bruder der eben erst eine Ausbildung begonnen hatte, dessen Lohn wurde mit einbezogen da er noch bei den Eltern wohnte)… von diesen 23 EUR monatlich konnte mein Mann aber auch nicht leben und eine Krankenversicherung konnte er davon natürlich auch nicht bezahlen… (bei den Eltern ist man nur bis zu einem gewissen Alter mitversichert, dann kommt die gesetzliche Grauzone). Am liebsten hätte ich damals sämtliche Ämter und Krankenkassen, samt Bundestag in die Luft gesprengt… aber statt soviel Geld für Sprengstoff auszugeben😉 hab ich meinen Göttergatten irgendwie mit durchgeschleift (manchmal frag ich mich wie ich das geschafft habe…) nach hunderten von Bewerbungen (auf dem Bau sieht es richtig schlecht aus) und fast einem Jahr später hat es schließlich über einen guten Freund geklappt der hat ihn einfach mal seinem Chef vorgestellt und seitdem steht er wieder in Lohn und Brot.

    Das war damals wirklich keine schöne Zeit aber das Ganze hat uns noch enger zusammengeschweißt, obwohl wir damals ja gerade am Anfang unserer Beziehung standen – die erste Bewährungsprobe also mit Bravur bestanden, würde ich sagen.

    Ich drücke dir fest die Daumen dass es bei dir auch wieder aufwärts geht und das schneller als gedacht.

     
  8. Lin

    June 14, 2010 at 9:28 pm

    Jaaa Hartz 4…
    Ich bekomm es selber, weil ich anscheinend zu unfähig bin um ne Lehrstelle zu bekommen obwohl ich schon an die 300 Bewerbungen weg hab.

    Eigentlich is Hartz 4 das Menschenverachtenste der Welt… meine Sachbearbeiterin hat mir damals tatsächlich mein Geld um 30% gekürzt weil ich bei der ARGE meinen “Urlaub” nicht beantragt habe.
    Bei diesem Urlaub handelte es sich um 3 Tage bei meinem damaligem Freund der 5 Minuten von meinem Zuhause entfernt wohnt….

    Ja auch sowas muss man beantragen und bewilligt bekommen….reinste Schikane wie ich finde…

    Ich drücke dir definitiv die Daumen das du da schnell wieder rauskommst aber ich befürchte fast das die dich eher in Massnahmen oder 1€ Jobs zwängen werden damit du aus der Statistik raus bist ➡
    Und ansonsten wenn die deine Wohnung für zu groß befinden darfst du nich frei umziehn… zumindest nich innerhalb Deutschlands, weil die ARGE im neuem Wohnort das bewilligen muss sonst bekommste erstma keine Miete und den Umzug auch nich bezahlt…. und das tun die Schweine oftmals nich 😥

     

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