RSS

Berlin. Hach!

09 Jul

Es ist schon ziemlich seltsam, nach längerer Abwesenheit seiner früheren Heimat einen Besuch abzustatten. Ich stelle fest, die sächsische Provinz hat meinen Blick doch arg verändert. Das ist vermutlich immer so, wenn man längere Zeit abwesend war, fallen einem Dinge auf, die man früher so nicht bemerkt hätte.

Das Spektrum in Berlin ist natürlich viel größer, in jeder Hinsicht. Mir fiel das am meisten bei den Menschen auf der Straße auf. Da wo ich zur Zeit wohne, sieht man selten jemanden, der aus dem recht eng gesteckten Rahmen fällt; irgendwie ist hier jeder durchschnittlich. In Berlin ist der Rahmen so weit, dass man gar nicht weiss wo er aufhört. Da treffen ständig Extreme aufeinander.

Ein Beispiel: zum Mittagessen hatte ich mir Nudeln vom Asiaten geholt und aß diese auf einer Bank in der Sonne. Neben mir saß eine junge Frau, die vom Aussehen her durchaus ein Model sein konnte, teuer gekleidet mit Chanel-Sonnenbrille, Prada-Schuhen und Louis-Vuitton-Handtasche und tippte auf ihrem Handy herum.
Nach ungefähr der Hälfte der Nudeln war ich satt und stellte die Packung samt Stäbchen oben auf den (komplett überfüllten) Mülleimer. Es dauerte keine zwei Minuten, da tauchte ein Obdachloser auf und nahm die Packung mit den restlichen Nudeln mit. Diese ganze Szene könnte ich mir so hier in der Kleinstadt nicht vorstellen. Obdachlose hätten wir garantiert zu bieten, bei Bratnudeln zum Mitnehmen muss man schon länger suchen und die Anzahl der Louis-Vuitton-Handtaschen in ganz Sachsen kann man vermutlich an einer Hand abzählen.

Wenn in Berlin eine Frau einen Kinderwagen schiebt, fragt man sich öfter, ist das nun die Mutter oder die Oma? In Sachsen ist die Frage eher, Mutter oder doch große Schwester? Wobei man hier auch deutlich weniger junge Leute und Kinder sieht als in Berlin, dafür mehr Rentner oder Leute die kurz davor sind. Wer jung ist und die Möglichkeit dazu hat, macht, dass er hier verschwindet.

Beim Shopping kam ich mir dann endgültig vor wie ein Landei. Ich hatte schon fast vergessen, dass man Sachen, die ich höchstens im Internet bestellen kann, anderswo einfach so im Laden gibt. Und in Berlin gibt es ja irgendwie einen Laden für alles, egal wie merkwürdig, selten oder ungewöhnlich es ist. Wenn man sich aber ein paar Jahre an das Leben in der schlafmützigen Provinz gewöhnt hat, dann ist so viel Angebot im ersten Moment überwältigend.

Nett fand ich wiederum, dass ich mich auf meine Ortskenntnis immer noch verlassen kann. Auch wenn ich ein paar Jahre weg war, weiß ich immer noch, welche U-Bahn ich nehmen muss oder wo ich einen bestimmten Laden finde. Ein paar Sachen haben sich verändert; ich bin durch eine Straße gelaufen in der ich früher gewohnt habe und habe kaum etwas wiedererkannt. Lauter neue Läden da. Und was zum Teufel haben sie mit dem Bierpinsel gemacht, seit wann ist der so bunt? Das japanische Restaurant, wo ich früher gern essen war, ist jetzt eine italienische Trattoria. Den Bäcker an der Ecke gibt es nicht mehr. Überall wird gebaut.

Den Hauptbahnhof kann ich immer noch nicht leiden; wenigstens waren diesmal keine Minusgrade. Ach ja, mein Vorstellungsgespräch. Nett war’s; die Dame ist sehr zuversichtlich, dass sie mich bald vermitteln kann. Wir werden sehen, freuen würde es mich jedenfalls.

 
3 Comments

Posted by on July 9, 2010 in Dieses und jenes

 

Tags:

3 responses to “Berlin. Hach!

  1. ivi

    July 9, 2010 at 12:43 pm

    ach .. Berlin meine geliebte Heimat. Bin dort aufgewachsen, hab mein Studium zum Teil in leipzig verbracht und bin danach wegen job nach Bonn. Und ich muss sagen ich fühle mich immer wieder wie auf dem Dorf. Ich brauche das stadtleben sooooo sehr. Klar kommt man im alltag auch mit anderen, kleineren Orten aus und zB Leipzig hat für einen Studenten viel geboten, aber Bonn wirkt irgendwie tot. Geschichten aus der Heimat zu hören und ab und zu auch mal Familie und Freunde besuchen ist immer wieder schön. Klar ist Berlin keine besonders “hübsche” Stadt, es gibt auch dort ecken, die man lieber meidet, aber einfach mit der Masse zu schwimmen und das gefühl von Leben um sich herum ist toll.

     
  2. renate

    July 11, 2010 at 2:59 pm

    Ähnlich wie dir mit Berlin, so geht es mir mit Freiburg, meiner Heimatstadt. Einiges Vertrautes, viel Neues.
    Für die Vermittlung drück ich fest die Daumen!

    Liebe Grüße – Renate

     
  3. Monika

    July 12, 2010 at 6:55 pm

    Danke für deinen Berlinbericht.

    Ich bin auch von dort (Steglitz) und war nun schon seit etwa 13 Jährchen nicht mehr dort… und wohne nu in einem Ort aufm plattesten Land (Friiiesland… aber hoffentlich nicht mehr lang… allerdings nicht zurück nach Berlin) und hier ists noch einen ganzen Haufen provinzieller als bei dir :-(((

    Ich hörte von Vielen, wie sehr sich “meine Ecken” geändert haben… obwohl einiges wenigstens auf den ersten Blick noch gleich ist…

    Aber der Bierpinsel in neuem MakeUp… *kicher* KunstCafe…na, ob sich das hält?

    Einiges würd ich bestimmt auch blind wiederfinden.. und bei einigem stände ich garantiert nach meinem “blinden Weg” plötzlich vor ganz anderen Läden /Häusern…

    Ich drück dir die Daumen für deinen Job!!

    Liebe Grüße, Monika

     

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

 
%d bloggers like this: